Zuhören statt zubeissen: Wie wir mit Empathie den „inneren Kettenhund“ zähmen können

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Gerade freute ich mich auf ein ruhiges, ausgedehntes Frühstück. An terminfreien Tagen bedeutet das immer wieder Genuss und Lebensfreude für mich. Meinem Bedürfnis nach Kontakt und Verbindung entsprechend (Musik und interessante Berichte wären eine willkommene Gesellschaft) hatte ich das Radio eingeschaltet. Ich hörte: „… vor laufender Kamera eine Geisel enthauptet …“

Im Schatten der Wut liegen häufig Angst und Ohnmacht

Ich schaltete auf einen anderen Sender um und hörte: „… Deutschland Waffen in Krisengebiete liefert ….“ Erschreckt und genervt schaltete ich das Radio wieder aus und mein nächster Gedanke war: Wie mögen Kinder, die jetzt vielleicht – so wie ich – mit ihren Eltern am Frühstückstisch sitzen, solche Nachrichten aufnehmen? Wut machte sich in mir breit. Im Schatten der Wut entdeckte ich Angst und eine tiefe Ohnmacht.

Zähne fletschen, wenn wir glauben, uns wehren zu müssen

In einem meiner letzten Seminare habe ich das Bild eines Kettenhundes bemüht, um eines meiner eigenen problematischen Verhalten in Kommunikationssituation zu beschreiben. Jemand sagt oder tut etwas; mein Kopf, blitzschnell, misstrauisch, vergleichend, bewertend, meint eine Bedrohung oder Missachtung auszumachen – und möchte mich zu unmittelbarer Reaktion hinreißen.
Es ist, als spränge ein innerer Kettenhund auf und stürme wild nach vorne.
Das kann Krieg bedeuten.
Hier erschaffen wir unter Umständen im persönlichen Umfeld etwas, das wir im Weltgeschehen ablehnen.

Mit Selbstliebe und Mitgefühl den inneren Kettenhund beruhigen

Mein Kettenhund bezieht seine Kraft aus dem Schmerz, den ich in meinem Leben erlebt habe; aus dem Glauben an die Schuld der anderen und dem Glauben an mein vermeintliches Ausgeliefertsein. Seine Wehrhaftigkeit speist sich aus der Angst, es könnte wieder passieren. Wenn ich in diesen Situationen aus meiner persönlichen Programmierung heraus agiere, hinterlasse ich einen Scherbenhaufen.
Heute kann ich diesen inneren Anteil oft rechtzeitig wahrnehmen. Ein beruhigendes „schon gut, leg dich wieder hin“ genügt. Sofort bin ich in der Lage, bewusst und gewaltfrei zu reagieren. Interessanterweise bleibe ich so nicht nur in Verbindung, sondern sorge auf diese Weise mit klarer Entschlossenheit viel besser für die Umsetzung meiner Bedürfnisse.

3 Kommentare zu Zuhören statt zubeissen: Wie wir mit Empathie den „inneren Kettenhund“ zähmen können

  • Vielleicht steckt hinter der Zickigkeit, das Bedürfnis nach mehr Tiefe. Schönheit ist ja schließlich vergänglich, was auch Angst machen kann. Möglicherweise wäre ein Kompliment der inneren Werte besser angekommen.

  • Momentan frage ich mich, warum ich auf einen Menschen (Mann, der mich mag) so zickig bis aggressiv reagiere. Als er zu mir sagte, dass er mich schön fände, antwortete ich: „Dafür kann ich mir nichts kaufen.“ Mir ist nicht klar, warum ich so ekelig zu ihm bin.

    • Die Frage „warum“ bringt uns meiner Erfahrung nach nicht unbedingt weiter. Wichtig finde ich, die Gefühle, die in einer solchen Situation ausgelöst werden, beobachtend zu fühlen. Da kann ich natürlich nur mutmaßen. Vielleicht ist da Angst und gleichzeitig ein Bedauern? Welche Bedürfnisse liegen hinter den Gefühlen? Hinter der Angst könnte z. B. das Bedürfnis liegen, sich zu schützen. Vielleicht ist in unserer Biographie Nähe mit Schmerz verknüpft. Das ist bei sehr vielen Menschen der Fall. Hinter dem Bedauern kann aber gerade das Bedürfnis liegen, Nähe zu erleben. Diese widersprüchliche Situation bewusst zu fühlen und beide Bedürfnisse ernst zu nehmen, ist der erste entscheidende Schritt. Der nächste Schritt kann sein, sich anzuvertrauen, der anderen Person diese innere Zerrissenheit zu zeigen ….

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