Gefühle, Projektleitung und Teamwork – (wie) geht das zusammen?

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Gefühle und Intuition – Navigation und Kompass

Unsere Gefühle sind unser Navigationssystem. Sie zeigen uns an, inwieweit wichtige Bedürfnisse in unserem Leben erfüllt oder eben nicht erfüllt sind. Unser Bauchgefühl, unsere Intuition, ist unser Kompass und Grundlage unserer Entscheidungen. Ist unser Fühlen blockiert, neigen wir in der Kommunikation zu Rechthaberei und zu Schuldzuweisungen oder werden leicht Opfer von Manipulation. Häufig beklagen Menschen, die ich begleite, zunächst, dass es ihnen schwerfällt, ihre Gefühle wirklich zu fühlen. Sie wünschen sich, sich diese Fähigkeit zurückzuerobern.

Gefühle als Wellenbewegung

Nähern wir uns dem Thema „Fühlen“ zunächst mit einem Bild. Wir können uns unsere Gefühle wie eine Welle vorstellen. Gefühle wie Freude, Euphorie und Heiterkeit liegen in den oberen Ausschlägen. Unten auf der Welle befinden sich hingegen Gefühle wie Angst, Ärger und Resignation. Je mehr Gefühlsvarianz wir zulassen, je größer also der Ausschlag der Welle nach oben und unten, desto besser die Verbindung zu uns selbst und desto größer die Chance, andere wirklich empathisch wahrzunehmen. Wir fühlen uns lebendiger, und unsere Beziehungen verbessern sich. Verschließen wir uns jedoch gegenüber den als unangenehm erlebten Gefühlen, reduzieren wir auch den gewünschten Ausschlag nach oben. Unser Gefühlsleben „plätschert dahin“.

„Unangenehmes Gefühl – weiche von mir!“

Wir können das Fühlen als unangenehm erlebter Gefühle vermeiden. Oft haben wir schon in Kindertagen an einer bestimmten Stelle „dichtgemacht“ und bleiben ohne Verbindung zu uns selbst und zum anderen im wahrsten Sinne des Wortes „im Kopf stecken“. Hierzu das Beispiel eines Seminarteilnehmers. Nennen wir ihn Robert.

Der Konflikt im Projekt

So könnte das typische Setting aussehen: Robert ist Projektleiter in einem abteilungsübergreifenden Marketing-Projekt. Eine Mitarbeiterin im Projekt hatte sich an ihn gewandt. Ein anderes Teammitglied verhielte sich ihr gegenüber „unmöglich“, berichtete sie Robert. Der Kollege hätte eine wichtige Fachtagung genau auf den Tag gelegt, für den sie bereits Kunden zu einem Expertentag eingeladen hatte, hätte ihr wichtige Informationen nicht weiter gegeben und würde sie häufig „wie Luft behandeln“.

Das „Kopfkino“ nutzen

Von mir aufgefordert, seinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf zu lassen, hatte Robert ausgesprochen, dass die Kollegin schwierig sei, andere Kollegen sähen es genauso, man hätte ihn bereits vor ihr gewarnt. Sie ging ihm auf den Geist, er wünschte sich Ruhe. Er fühlte, dass er genervt war und unter Druck. Er brauchte Ruhe, um wichtige Projektaufgaben gelassen durchzuführen. Erstes Ergebnis war die Bitte an sich selbst, die Interventionen der Kollegin zukünftig mit mehr Gelassenheit hinzunehmen. Ganz zufrieden war er mit diesem Ergebnis einer Gruppenarbeit im Seminar nicht und so beschlossen wir, im Plenum weiter an dem Thema zu arbeiten.

Verbindung ist immer das oberste Ziel Wertschätzender Kommunikation

Was bei der Lösung auf der Strecke blieb, das spürte ich in der weiteren Begleitung intuitiv, war das Thema Verbindung. Es gab nicht wirklich eine Verbindung zu seinen eigenen Gefühlen und schon gar keine Verbindung, auch keinen Wunsch nach einer Verbindung, mit der Kollegin. Sollen Konflikte nachhaltig geklärt werden und Kommunikation im Team gelingen, ist Verbindung immer das oberste Ziel. Wo sie fehlt, bleibt Wertschätzende Kommunikation technisch und unbefriedigend, entstehen „Scheinlösungen“, die sich in der Teamarbeit als nicht hilfreich und nicht belastbar erweisen.

Schutz verhindert Verbindung

Es mutete für mich so an, als hätte die Kollegin mit der Art, wie sie sich beklagt hatte, unbeabsichtigt ein altes „Notprogramm“ bei Robert ausgelöst. Als ich ihn noch einmal bat, genauer hinzuspüren, stellte er fest, dass da eine Angst war, die er bisher nicht angeschaut hatte. In der Begleitung erlebte er diese Angst als sehr intensiv. Mit der Helikopterübung (er stellte sich vor, in einem Helikopter über sich zu schweben und aus der sicheren Distanz alle Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen wahrzunehmen, lesen Sie hierzu auch meinen Blog „Fühlen statt Handeln“) war er in der Lage, diese Angst unbedroht anzuschauen und zu fühlen. Jetzt konnte er sehen, dass die Art und Weise, wie er das Thema bisher bearbeitet hatte, eine Art Flucht darstellte. Er ging aus dem Kontakt – eine alte Verhaltensweise, um sich zu schützen. Nachdem er die Angst einige Minuten lang fühlen konnte, beruhigte sich der Sturm in seinem Inneren. Es entstand neuer (Spiel)Raum. Robert war jetzt in guter Verbindung zu sich selbst und in der Lage, Empathie für die Kollegin aufzubringen. Die „Gefühlswelle“ war wieder in Bewegung gekommen, ein Erlebnis, das Robert in der Nachbesprechung mit Freude und Erleichterung kommentierte.

Die Lösung

Robert konnte empathisch die Hilflosigkeit der Kollegin und ihr Bedürfnis nach Unterstützung wahrnehmen. Er registrierte, dass er nun willens und in der Lage war, ihr unter die Arme zu greifen. Er war bereit, sie in den sachlichen Themen zu unterstützen. Andererseits entstand in ihm die Klarheit, dass er sich in diesem Fall auf der emotionalen Ebene zwischen den beiden Kollegen nicht einmischen wollte. Letztes erfüllte ihn mit Erleichterung und so konnte er die Sache entspannt angehen.

Sein Vorschlag

Er machte seiner Kollegin folgenden Vorschlag: „Ich unterstütze Sie gerne und werde die Sachthemen, die Sie angesprochen haben, in unserem nächsten Projekt-Meeting gemeinsam mit der Gruppe klären. Dann sehen wir weiter. Sollte sich das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Kollegen nicht verbessern, schlage ich vor, über eine Mediation nachzudenken.“

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