Gewaltfreie/Wertschätzende Kommunikation und Resilienz

Resilienz

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Durch Resilienz Krisen meistern und an ihnen wachsen

Die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner führte den Begriff der Resilienz ein, zunächst in der Kinderpsychologie. Ihre Studie deckt Einflussfaktoren auf, die das Risiko von psychosozialen Störungen mildern. Die Bezeichnung Resilienz kommt ursprünglich aus der Werkzeugkunde. Sie beschreibt, dass und wie ein Material, das durch Zug und Druck verformt wurde, anschließend in den alten Zustand zurückkehrt. Übertragen auf den Menschen sprechen wir von psychischer Widerstandsfähigkeit. Resilienz beschreibt also die Fähigkeiten, Krisen zu meistern und an ihnen zu wachsen. Gelungene Kommunikation ist ein wesentlicher Baustein für diese innere Balance.

Auslöser erkennen und bewusst aus den Geschichten aussteigen

Alles, was sich anders anfühlt als Gelassenheit, sagte uns Marshall Rosenberg immer wieder, ist ein Auslöser. In einer spirituellen Schrift las ich den Satz: „Der Fehler liegt beim Leidenden“. Das hat sich in meinem System angefühlt wie der Paukenschlag in Joseph Haydns Sinfonie Nr. 94. Den ersten bewussten Moment, den ich erwische, wenn ich mich unwohl fühle, nutze ich heute dazu, mein Denken in Frage zu stellen. Ich steige aus der Geschichte aus, weil mir der achtsame Umgang mit meinen Energieressourcen wichtig ist. Ich wende mich nach innen und fühle meine Gefühle, anstatt mich in quälenden Gedanken oder Anklagen zu verlieren. Das gelingt mir naturgemäß nicht immer. In solchen Situationen bin ich Menschen dankbar, die mich auf meine Verstrickung liebevoll aufmerksam machen. Meinen Freunden habe die „Lizenz zum Wecken“ erteilt.

Sabotierende Glaubenssätze stoppen

Der Glaubenssatz, nicht (gut) genug zu sein, ist in allen Köpfen auf die eine oder andere Art fest verankert. Er ruft erbarmungslose innere Antreiber auf den Plan und frisst unsere Lebensenergie. Wir werfen uns vor, zu dick, zu dünn, zu alt, zu schlaff, unfähig, egoistisch oder faul zu sein. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzten. Es ist gut, sich bewusst zu machen, dass das jedem Menschen so geht und zwar gänzlich unabhängig davon, wie attraktiv, fähig und erfolgreich er oder sie nach außen wirkt. Jedes Mal, wenn ich einen lieblosen Gedanken mir selbst gegenüber bewusst bemerke, sage ich sofort innerlich „Stopp“, atme einmal tief durch, fühle die Gefühle, die in mir aufsteigen und steige dann aus. Ich stelle mir die Frage, wie es wäre, so mit einem anderen Menschen zu sprechen? Mir wird dann schlagartig fühlbar klar, dass ich mein Gegenüber durch eine solche Äußerung auf desaströse Weise schwächen würde. Freunde, Mitarbeiter, Partner oder Kinder unterstütze ich aber in der Regel bereitwillig so, dass sie optimal für die Aufgaben gerüstet sind, die vor ihnen liegen. So möchte ich immer öfter auch mit mir selbst umgehen.

Empathie tanken, um „Energielecks“ zu schließen

All das bekomme ich definitiv nicht in jeder Situation alleine hin. Deshalb suche bei Freunden oder professionellen Beratern empathische Unterstützung, wenn sich unangenehme Situationen in meinem Leben gerade häufen, ich genervt bin oder Beziehungen zur Belastung werden. Es ist mir bewusst, dass ich jetzt Empathie brauche, um zur Ruhe zu kommen und klar zu sehen. Ich fange erst gar nicht damit an oder höre schnellstmöglich damit auf, mein Leiden in gedanklichen Endlosschleifen wiederzukäuen. Statt auf die anderen zu zeigen oder mich selbst zu zerfleischen, mache ich mir sobald wie möglich klar, dass in solchen Situationen häufig alte Programme reaktiviert werden. So verliere ich mich nicht immer tiefer in einen Problemkreis, sondern übernehme die Verantwortung für das, was da gerade geschieht, ohne mich jedoch für die Schuldige zu halten. Ich werde handlungsfähig.

Durch klare Bitten Kooperationspartner gewinnen

Ein Problem im „Zwischenmenschlichen“ ist es, dass wir häufig nicht wirklich aussprechen, was uns wichtig ist oder es dabei belassen, Dinge anzusprechen, die uns nicht gefallen und/oder uns zu beklagen. Auch das bringt wenig Nutzen, kostet aber umso mehr Kraft. Sauer zu sein, ist wie alles andere okay, führt aber nicht zur Lösung meines Problems. Möchte ich andere für meine Bedürfnisse gewinnen, ist es wichtig, dass ich mir genauestens klar mache, was ich mir von der anderen Person oder einer Institution tatsächlich wünsche. Diesen Wunsch offen, positiv und so konkret wie möglich als Bitte zu formulieren, bringt mich in der Regel den entscheidenden Schritt weiter. Nur wenn der andere genau weiß, was ich brauche, kann er sich dafür entscheiden, mich zu unterstützen.

Es gibt eine Ebene, auf der alle Bedürfnisse erfüllt sind

Die Wurzel jeder Bitte ist das identifizierte Bedürfnis. Einen interessanten Beitrag dazu liefert der CNVC-Trainer Robert Gonzales. Er ist davon überzeugt, dass es in uns allen eine Ebene gibt, auf der alle Bedürfnisse bereits erfüllt sind, auch wenn dies in unserem Leben gerade nicht der Fall ist. Das Erfahren dieser Fülle ist, das durfte ich in einem seiner Seminare erfahren, extrem nährend und schafft in der Kommunikation die Verbindung, die es zu erfüllender Kooperation braucht. Wenn ich z. B. in meiner Beziehung gesehen werden möchte oder mir in meiner Arbeitsgruppe wirklich gutes Teamwork wünsche, ist es erst einmal wichtig, intensiv zu spüren, wie sich es sich anfühlt, gesehen zu werden oder in einem Team mitzuwirken, in dem die Menschen erfolgreich Hand in Hand arbeiten.

Durch Visionen erfüllter Bedürfnisse den Strategien Kraft geben

Dann ist meine Kommunikation von der kraftvollen Energie der Fülle geprägt. Aus dem Mangel kommend hingegen benutzte ich Worte, die den Focus darauf legen, dass etwas nicht klappt. Ich erinnere mich also besser an eine Situation, in der dieses Bedürfnis vollkommen erfüllt war. Ich rufe mir alle zugehörigen Gedanken, Bilder, Gefühle und Körperempfindungen möglichst plastisch in Erinnerung. Schwärmen ist ausdrücklich erwünscht! Aus dieser Übung erwächst so viel Kraft und positive Energie, dass die Teilnehmenden meiner Seminare und Übungsgruppen sie zu einer ihrer Lieblingsübungen erkoren haben.

Stille und Atem für die eigene Balance nutzen

Der Ausstieg aus selbstschädigenden Programmen gelingt mir in der Regel besser, wenn ich den Tag mit einem Moment der Stille und Besinnung begonnen habe. Ein gutes Programm, um den Stresspegel zu senken und die Angst zu beruhigen ist eine „kleine Auszeit mit bewusstem Atmen“ zu Beginn meines Tages. Ich setze mich am Morgen für 15 Minuten aufrecht und bequem hin, schließe die Augen, atme natürlich und tief, lege meine Aufmerksamkeit auf das Ausatmen, und beobachte meine Gedanken wie ein Naturphänomen ohne „einzusteigen“. Ich kehre mit meiner Aufmerksamkeit immer wieder zu meinem Atem zurück. Ich stelle mir dann gerne vor, Licht ein- und alles „Dunkle“ auszuatmen. Es ist für mich in Ordnung, Tageszeit, Imagination und Länge zu variieren. Zuviel Dogmatismus verhindert leicht die Regelmäßigkeit der Anwendung. Ich habe mir außerdem angewöhnt, jeden emotionalen Auslöser, aber auch jede Störung wie z. B. das Klingeln eines fremden Mobiltelefons zum Anlass zu nehmen, mindestens einen tiefen Atemzug in den Bauch zu tun.

Die positive Wirkung der Dankbarkeit in mein Leben einladen

Jeden Abend vor dem Schlafengehen schreibe ich drei Dinge auf, für die ich dankbar bin. Das Wort „Dankbarkeit“ am Treppenaufgang zu meinem Schlafplatz erinnert mich daran. In meiner Liste stehen Punkte unterschiedlicher Wertigkeit gleichberechtigt nebeneinander. Das können ganz kleine Dinge sein, wie ein kurzer Moment von Sonnenschein, die anregende oder liebevolle Begegnung mit einem Menschen ebenso wie eine Unterstützung, die ich erfahren habe. Beim Aufschreiben schwelge ich noch einmal in den guten Gefühlen, die die Situation in mir auslöste. Wenn mir eines der Rituale entglitten ist, starte ich ohne Selbstvorwürfe einfach neu durch.

2 Kommentare zu Gewaltfreie/Wertschätzende Kommunikation und Resilienz

  • Liebe Beate,
    vielen Dank für diesen hilfreichen und wunderschönen Text.
    Ich freue mich, deine Mails zu bekommen.
    Deine Seminare sind für mich ein Wendepunkt in meinem Leben gewesen. Dafür bin ich Dir dankbar.
    Ich hoffe und wünsche, daß es Dir gut geht und viel Erfolg mit deiner Arbeit hast, die zur Verbesserung der Welt beiträgt. Danke auch dafür.
    Liebe Grüße
    María-Rosa

  • Liebe Frau Waltrup,

    herzlichen Dank für diesen Text, der mir im Moment sehr hilfreich ist.
    Mal schauen, was 2016 bringt. Morgen schaue ich in der Buchhandlung nach Ihrem „Phönix-Tipp“.
    Ihnen wünsche ich eine gute und erfolgreiche Zeit mit netten Kursteilnehmern.
    Ihre
    Ingeborg P.

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