In der zweiten Halbzeit

In der zweiten Halbzeit aufs gleiche Tor zu schießen ist blöd! Warum?
Na, weil es dann in jedem Fall ein Eigentor wird.


Nahe Beziehungen berühren alte Wunden

„Zwischen den Jahren“ und über den Jahreswechsel 2017/2018 hinaus habe ich an einem Workshop/Retreat teilgenommen, in dem es um das Thema „Beziehungen leben“ ging. Partnerschaften, wichtige Freundschaften und die enge Zusammenarbeit im beruflichen Team fordern uns besonders heraus. Diese nahen Beziehungen berühren alte Wunden und bergen das Risiko, eingefahrenen Wegen zu folgen, und sich selbst und auch den anderen zu verlassen. Wir leben oft unter unseren Kapazitäten. Bei anderen können wir das besonders gut beobachten. Sinnbild dafür ist der Zirkuselefant, der angekettet an einen lächerlich kleinen Pflock als Jungtier seine Gefangenschaft akzeptiert hat und sich später nie wieder zu befreien versucht, weil er an seine Ohnmacht glaubt.

Alte Verhaltensmuster stehen unserer Authentizität im Wege

Es sind die Verhaltensmuster, die wir in unseren frühen Jahren gelernt haben, die unserem authentischen Selbstausdruck im Wege stehen. Wir trauen uns nicht, Menschen zu unterbrechen, wenn uns nicht behagt, was sie tun oder sagen. Es gelingt uns nicht, Leistungsanforderungen, denen wir nur unter Ausbeutung unserer persönlichen Reserven entsprechen können, zurückzuweisen. Wir weichen Themen aus, die unsere Beziehung belasten könnten. Wir verzichten darauf, Bedürfnisse anzumelden, wenn wir befürchten, damit lächerlich oder unbequem zu werden … Wir haben es so gelernt.

Ich verliere die Verbindung zu meinen Bedürfnissen

Welches Kind …
… sagt seiner Mutter: „Hey, ich bin dein Kind und du meine Mutter – ich kann mit deinen Problemen nichts anfangen, wende Dich an deinen Mann oder eine Freundin, wenn du Verständnis und Unterstützung brauchst.“
… fragt die Eltern: „Anerkennung nur für Leistung? Das tut mir nicht gut. Wie soll ich so lernen, mich selbst zu motivieren, mich zu spüren und gesunde Grenzen zu setzen?“
… protestiert: „Immer nur lieb sein? Da muss ich mich total verbiegen und verliere die Verbindung zu meinen eigenen Bedürfnissen. Ich möchte lieber echt statt nett sein.“

Unsere innere Stimme ist uns treu

Und doch ist es nicht zu spät. Es gibt sie bis heute, die leise Stimme in uns, die uns in jedem Fall mitteilt, dass wir eben nicht einverstanden sind – mit dem, was der andere gerade tut, sagt oder von uns möchte. Ich kann täglich beobachten, wie sich diese Stimme immer wieder in mir zu Wort meldet. Ich habe verlernt, sie zu hören. Niemand hat mich gelehrt, ihr zu vertrauen. Wenn ich die alten ausgetretenen Wege gehe, verpasse ich meine Authentizität. Wie der Zirkuselefant akzeptiere ich meine Kette und verzichte auf den Ausbruchsversuch.

Spieler des inneren Teams versuchen, die innere Stimme mundtot zu machen

In meinem System gibt es Persönlichkeitsanteile, die lieblos über die zarte Stimme hinweggehen. Wenn ich erschöpft, traurig oder wütend bin, erklärt mir mein „Beschönigungsassistent“, dass es heute dazugehört, im Urlaub erreichbar zu sein, wenn die Chefin mir während meines Erholungsurlaubs Mails schickt. Dass der verheiratete Mensch, der mir Avancen macht, wider Willen in einer grauen und freudlosen Ehe feststeckt, unter meiner Liebe aufblühen und sich schließlich doch zu mir bekennen wird. Dass die Freundin, die sich schon seit Wochen nicht bei mir gemeldet hat, von ihrem Alltag aufgefressen wird. Der „Bibberich“ malt Angstszenarien aus, die mir bevorstehen, wenn ich etwa doch auf die Idee käme, für meine Bedürfnisse einzutreten. Die Chefin wird sich vielleicht an meine Kollegin wenden, die sowieso schon lange scharf auf meine Stelle ist. Ich könnte Boden verlieren, wenn ich nicht unter Beweis stelle, dass ich die angenehmere Partnerin bin. Die Freundin könnte ich mit zu hohen Ansprüchen in die Flucht schlagen. Kränkung ist immer Selbstkränkung. Verletzungen entstehen durch das Entgegenkommen des eigenen Egos. Die verletzende Person spiegelt mir das Nein zu mir selbst. Wir werden terrorisiert, weil wir uns selbst terrorisieren. (nach Lehover: Mit mir sein)

In der Beziehung zu dir mache ich es mir recht

Aus dem Retreat habe ich den wunderbaren „Einstellungssatz“ mitgenommen: „In der Beziehung mit dir mache ich es mir recht.“ Er korrespondiert mit Michael Lehofers Aussage in seinem Buch „Mit mir sein“, dass das Ja zu sich selbst die einzige wirksame Abgrenzung ist. Begegnung ist für ihn aber auch damit verbunden, sich dem anderen zu öffnen und bereit zu sein, ein(e) andere(r) zu werden.

Verwirkliche, was in dir lebendig ist, statt unablässig zu versuchen, die Welt zu zähmen – eine Anleitung

Lausche, was die innere Stimme sagt.
Lerne, Dir selbst zuzuhören. Nimm Dich ernst.
Fahr das Tempo zurück.
Sei dankbar für den Hinweis auf Deine Bedürfnisse.
Tu erstmal so, als würdest Du der inneren Stimme folgen.
Stell Dir vor, im Einklang mit ihr zu handeln.
Fühle die Gefühle, die jetzt aufkommen.
Gibt es Angst, Scham oder Schuld?
Fühle Deine Gefühle und füttere sie nicht mit Gedanken. Sag dem Kopf freundlich „jetzt nicht“.
Lasse es Dir zur Gewohnheit werden, Dir beim Fühlen und Denken zuzusehen.
Was würde dir jetzt guttun?
Mach es!
Du hast es diesmal nicht geschafft? Schau genau hin, wie Du es „vermasselt“ hast.
Nimm Dich liebevoll in den Arm und habe Mitgefühl mit dir. Tröste Dich.
Probiere es morgen wieder.

Hab den Mut, als falsch, faul, egoistisch, schwach, dumm … zu gelten.

Zeit zum Seitenwechsel!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert