Innere Mediation mit Gewaltfreier Kommunikation

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So erreichte ich echte Entspannung, anstatt einem alten Muster zu folgen

Es gibt etwas zu feiern! Heute habe ich die Methode der Gewaltfreien Kommunikation zu meiner großen Erleichterung auf einen persönlichen inneren Konflikt angewandt. Dadurch wurde es mir möglich, in einer Situation, in der ich sonst sehr dazu neige, einem alten Verhaltensmuster zu folgen, eine andere Entscheidung zu treffen.

Freizeit und Faulenzen sind angesagt

Ich habe vor Kurzem eine sehr intensive, längere Seminarphase abgeschlossen. Danach habe ich mir Freizeit gegönnt. Heute, nach dreieinhalb Tagen Mehr-oder-weniger-Faulenzen, lief mein „innerer Antreiber“ zu Höchstform auf. Fehlerkorrekturen nach einer internen IT-Umstellung drängten, der Newsletter muss raus, die Seminare für nächste Woche sind vorzubereiten usw. usw. usw …

Der „innere Antreiber“ erzeugt Widerstand

Im Laufe des Tages kam ich immer mehr unter Druck. Ich konnte mir weder wirklich Ruhe gönnen und die Arbeit liegen lassen, noch zielgerichtet arbeiten. Der antreibende Anteil lieferte mir eine Begründung nach der anderen, warum es jetzt wichtig sei, die anstehende Aufgabe zeitnah zu erfüllen. Nachvollziehbare, sehr plausible und stichhaltige Gründe. Gleichzeitig wuchs in mir der Widerstand, irgendeine der Aufgaben anzugehen. Verzweifelt beschloss ich, einen Spielfilm anzuschauen, um mich abzulenken.

Der „innere Antreiber“ argumentiert

Eigentlich hatte ich gar keine Lust auf den Film und war gelangweilt. Der antreibende Anteil erkannte seine Chance und verlegte sich nun darauf, mir vorzuhalten, was ich in den letzten Tagen schon Gutes für mich getan hatte. Ein (fast) fauler Sonntag, ein Saunabesuch mit ausgiebigem Sonnenbad (Geschäftstelefonate auf der Fahrt), eine Massage (vorher im Auto noch schnell einen Kunden anrufen) …  er war eindeutig der Meinung: „Das muss reichen!“ Ich fand das irgendwie auch. Der „innere Antreiber“ hatte die Oberhand gewonnen.

Aufschieberitis ist die Folge

Von den größeren anstehenden Aufgaben habe ich dennoch keine in Angriff genommen. Gar nicht zu arbeiten ging auch nicht, also habe ich dies und das erledigt und zwischendurch immer wieder „abgehangen“. Auf diese Weise erfüllte ich weder die Ansprüche meines Antreibers, noch die des Teils, der gar nicht arbeiten wollte. Ich begann mich zunehmend unwohl zu fühlen.

„Emotionales Essen“ ist mein Suchtmuster

In solchen Momenten, das weiß ich seit langem, neige ich zu emotionalem Essen. Ich esse dann nicht aus physischem Hunger. Ich höre auch nicht auf zu essen, wenn mein physischer Hunger gestillt ist. Das ist mein Suchtmuster. Sucht hat viele Varianten. Bei anderen Menschen kann an die Stelle des Essens das Trinken von Alkohol oder das Rauchen treten. Wir können Arbeit oder Sport als Suchtmittel benutzen, oder in die Welt der Medien abtauchen. Menschen können süchtig nach Beziehung sein oder danach, zu gefallen. Viel zu reden, z. B. auch in den Formen schimpfen, nörgeln oder tratschen, ist ebenfalls ein beliebtes Muster. Menschen sind an diesem Punkt sehr erfinderisch.

Unterm Strich bleibt die Summe der Süchte immer gleich

Meine Erfahrung: Rückt man einer Sucht über ein kognitives Programm rigoros zu Leibe und trifft über den Kopf z.B. die Entscheidung, Diät zu halten, so treten andere Süchte an diese Stelle. Manche Menschen beginnen z. B. stark zu rauchen, während es ihnen gelingt, ihr Gewicht dramatisch zu reduzieren.

Kurz vor dem Abendessen war der innere Druck dann so groß geworden, dass mir schon bei der Zubereitung der Mahlzeit klar war, dass es schwer werden würde, dem emotionalen Hunger auszuweichen. Ich nahm mir daher vor, während des Essens möglichst bewusst zu bleiben. Als die angemessene Portion vertilgt war, wollte ich ganz klar mehr!

Ich versammelte das innere Team um den Tisch

Jetzt schien es mir an der Zeit, die „Runde“, die sich da an meinem Esstisch versammelt hatte, näher zu betrachten. Da saß der „innere Antreiber“. Er ist während meiner Kindheit in mir durch die hohen Leistungsforderungen meines Vaters an mich entstanden. Er hilft mir seitdem dabei, die hohen Ansprüche, die zunächst mein Vater und später ich selbst an mich stellte, zu erfüllen. In Opposition zu diesem Anteil identifizierte ich das „Schulkind“, das wiederholt die Erfahrung gemacht hatte, dass es nicht möglich war, dem Vater zu widersprechen. Mit am Tisch saß zudem das „emotionale Essen“, das gerade dabei war, die Regie zu übernehmen. Seit meiner Kindheit sorgt es in scheinbar ausweglosen Situationen für Belohnung, Trost, Gesellschaft und Entspannung.

Aussöhnung mit dem inneren Kind

In dem schon 1990 erstmals erschienenen Buch „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ von Erika J. Chopich und Margaret Paul beschreiben die beiden Autorinnen, wie wichtig es für den Ausstieg aus jeglicher Sucht ist, eine innere Verbindung zwischen der Figur des „inneren liebevollen Erwachsenen“ und dem fühlenden Anteil in uns, den sie das „innere Kind“ genannt haben, herzustellen. Sich an dieser Stelle zu verbinden, ist gleichbedeutend mit der Bereitschaft, die Gefühle dieses inneren fühlenden Anteils zuzulassen und bejahend zu fühlen.

Sucht ist der Versuch, Gefühlen auszuweichen

Sucht versucht genau diesen Gefühlen auszuweichen, die wir instinktiv als unerträglich und bedrohlich einstufen. Ich habe nun nacheinander die Positionen der einzelnen inneren Anteile am Tisch eingenommen und sie miteinander reden lassen.

Leben geschieht einfach

Um überhaupt Raum für dieses „Teamgespräch“ zu bekommen, hat mir geholfen, dass ich mir vor dem Gespräch noch einmal klargemacht habe, dass das Leben sich jenseits aller meiner Vorstellungen, Befürchtungen und Wünsche schlichtweg ereignet. Selbst wenn die schlimmsten Befürchtungen meines „inneren Antreibers“ eintreten würden (er neigt zum Katastrophendenken), würde ich mich dem stellen (müssen).

Die innere Mediation machte mich entscheidungsfähig

Von dem „inneren Kind“ hörte ich, dass es immer noch müde und erschöpft sei und ganz klar mehr Ruhe und Entspannung brauche. Der „innere Antreiber“ stellte klar, es sei seine Aufgabe, „den Laden am Laufen zu halten“. Das „emotionale Essen“ versprach Erleichterung. Die Unterhaltung setzte sich einige Zeit sofort.
Ich konnte die Anstrengung, die Erschöpfung und den inneren Druck meines „inneren Kindes“ fühlen. Ich erklärte ihm aus der Position des „liebevollen Erwachsenen“, dass es in der Erwachsenenwelt neben Spaß zu haben notwendig ist, bestimmten Anforderungen gerecht zu werden, um die eigene Existenz zu sichern. Dafür zeigte das innere Kind Verständnis, sagte jedoch, es brauche noch einen kleinen Moment der Ruhe. Indem ich aus der Position des „liebevollen Erwachsenen“ wiederholte, was die einzelnen Anteile sagten, sorgte ich dafür, dass sich für alle Anteile das Bedürfnis, gehört zu werden erfüllte.
Nach einigem Hin und her entschieden wir uns dafür, jetzt gar nicht mehr zu arbeiten, sondern die nächste Stunde eingekuschelt im Bett einen spannenden Roman weiterzulesen. Und das, obwohl zwei Stunden später weiterer Müßiggang, nämlich eine Verabredung mit Freunden, auf dem Programm stand!

So gelang es mir, mich wirklich zu entspannen

Das Thema Essen war zu meiner großen Freude damit vom Tisch – und jetzt, nach einem schönen Abend in netter Gesellschaft, komme ich nach Hause, sitze hier und blogge spontan, ganz ohne Druck und mit viel Freude. Der innere Dialog und das Fühlen der Gefühle des „inneren Kindes“ haben mich in echte Entspannung geführt, anstatt wie zuvor mit schlechtem Gewissen oder nur halbherzig zu chillen und damit den Druck des „Antreibers“ auf das „innere Kind“ zu verstärken.

Wie in einer Team-Mediation war es erforderlich, alle Anteile zu hören und ihre Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen.

8 Kommentare zu Innere Mediation mit Gewaltfreier Kommunikation

  • Liebe Beate,
    ganz lieben Dank für diesen Blog! Deine Beschreibungen und Erklärungen sprechen mich sehr an und ich kann das gut auf mich übertragen. Es motiviert mich, diesen Prozess, diese Kontaktaufnahme zu meinen inneren Anteilen beim nächsten Konflikt ganz direkt am Küchentisch (oder wo immer) durchzuführen.
    Ganz liebe Grüße
    Ute

  • Da ist mir doch gerade eben beim Frühstück klar geworden, nachdem ich deine Zeilen schon vorgestern gelesen hatte, Beate, wie wolfsprachig und wenig zielführend der mit einem kleinen entschuldigenden Lächeln oft so flott dahingeworfene „innere Schweinehund“ ist. Danke!

  • Danke für diesen Blog! Mir geht es genauso im Moment doch irgendwie anders herum , es gäbe so viele Dinge zu erledigen doch mein Antreiber macht Pause !
    Nochmal Danke dass du mich wieder an das Team erinnert hast , es war schon fast wieder aus meinem Gedächtnis verschwunden.
    Lg Marianne hertwig

  • Danke für diesen motivierenden Blog-Eintrag & die Erinnerung an das Buch – auch bei mir steht es halb gelesen im Regal. Ich habe es gleich wieder rausgeholt und werde es nun noch einmal lesen.

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